Der spirituelle Weg ist ein Weg der Bewusstwerdung

Der spirituelle Weg und seine Tücken

Um dir gleich die Wahrheit zu sagen, die größte Tücke ist, es gibt keinen spirituellen Weg. Der spirituelle Weg existiert nicht. Es gibt keinen Leitfaden, der dir vorschreibt, was du wann zu tun hast. Kein Handbuch, das die Suche nach dir selbst beschreibt. Keinen Reiseführer, kein Nachschlagewerk – nichts. Der Weg entsteht allein, indem du ihn gehst.

Und doch gehst du ihn nicht blind. Bei aller Dunkelheit, bei allem Straucheln, bei aller Unsicherheit scheint es so, als wenn du von einer unsichtbaren Hand geleitet wirst. Du bemerkst es, wenn du nach gestellten Lebensfragen „zufällig“ auf Menschen triffst, oder dich in Situationen wiederfindest, die dir Ideen oder Hinweise geben. Oft ist es nur Nebensächliches, doch für dich kann es lebensverändernd sein.

Der spirituelle Weg ist in Wahrheit ein Weg der Bewusstwerdung. Das Ziel, dass wir bei unserem Voranschreiten suchen, liegt bereits in uns. Es ist ein ewiges Ziel, ein Weg in die bedingungslose Liebe, in die Einheit von Körper, Geist und Seele.

Konflikte bei Begegnungen

Das führt uns zur zweitgrößten Tücke. Wenn das Ziel in jedem von uns selbst liegt, kann der Weg nur von jedem selbst gegangen werden. Nun sind wir alle sehr unterschiedliche Menschen – wenn ich die Ebene der Seele hinzunehme – sehr unterschiedliche Wesen. Das bedeutet, es treffen unterschiedliche Wege in unterschiedlichen Bewusstseinszuständen aufeinander.

Bitte bedenke, es gibt genauso viele Wege, wie es Menschen gibt.

Hierin steckt ein unendliches Potential für Konflikte. Vor allem in Beziehungen kommt es oft vor, dass sich ein Partner in seiner Entwicklung gestört fühlt. Manchmal geht dies so weit, dass die eigene Entwicklung abhängig gemacht wird von der Entwicklung des Partners. Dies geschieht beispielsweise wenn Dogmen mit ins Spiel kommen oder falsch verstandener Egoismus nachklingt. Nicht selten werden die Partner bedrängt, etwas dagegen zu tun. Sogar die ganze Beziehung wird in Frage gestellt.

Wenn wir aber davon ausgehen, dass jeder seinen eigenen Weg gehen muss, hat nicht nur jeder einen berechtigten Anspruch darauf, jeder Weg braucht ebenso seine eigene Anerkennung.

In einer Beziehung, in der es soweit – wie oben beschrieben – gekommen ist, geschieht im Grunde folgendes: Ein Partner erhebt sich über den anderen. Zumindest für diese Zeit ist jegliche Anerkennung und jeglicher Respekt vor dem Weg des anderen und vor dessen Person verloren gegangen.

In solchen Situationen hilft es sich daran zu erinnern, dass wir uns alle in tiefer Verbundenheit entwickeln aber nie in Abhängigkeit. Abhängigkeiten lassen keine Entwicklung zu. Sie begrenzen vielmehr die Wahrnehmung, stehlen die Sicht und vor allem die Freiheit. Liebe kennt keine Abhängigkeit. Liebe kennt nur Verbundenheit und Einheit in der Vielfalt.

Es gilt also zu überprüfen, wo auf deinen Pfad hast du die Liebe verloren. Es gilt zu prüfen, warum du den Partner für etwas verantwortlich machst, dass deine Entwicklung betrifft. Es gilt zu beleuchten, ob du die Verantwortung für dein Verhalten übernehmen kannst – nämlich den Partner in einen Weg zu drängen, den er womöglich nicht gehen möchte und der für ihn möglicherweise falsch ist. (Wer mag das schon beurteilen wollen.)

Vor allem aber solltest du das Potential dahinter finden. Die Frage nach dem Warum mache ich mich hier abhängig? Ist es ein einziger Aspekt, oder folgen daraus noch mehr? Wie abhängig mache ich mich überhaupt von Umgebungen? Für die Beziehung ist es hilfreich zu klären, warum dieser einzelne oft winzige Aspekt so absolut erscheint, dass alles andere nicht mehr gesehen wird. Wenn dieser Aspekt nicht da wäre, wäre die Beziehung dann ok?

Die Beantwortung der Fragen erfordert Ehrlichkeit und ein Zurückkehren auf den Pfad des Herzens, der ein Pfad der bedingungslosen Liebe ist. Wie der Name schon sagt, kennt diese Liebe keine Bedingungen.

Kein Wandern auf ausgetrampelten Pfaden

Hier kommen wir zur drittgrößten Tücke. Ein Pfad der bedingungslosen Liebe erfordert ein Nachinnengehen in Aufrichtigkeit, Achtsamkeit und Ehrlichkeit. Es ist die Liebe im Herzen mit dem wir uns auf den Weg der Erkenntnis im Herzen machen. Franz von Assisi hat es einfacher ausgedrückt: „Was du suchst, das ist was sucht“.

Wenn du dich also auf den Weg zu einer Tiefenerkenntnis über dich selbst machst, bringt dies Unsicherheiten mit sich. Vieles, was du als selbstverständlich hingenommen hast, beginnt zu wackeln, vieles, an das du bisher glaubtest, zweifelst du nun an.

Die größte Unsicherheit dabei ist wohl das ICH selbst.

Was oder wer ist eigentlich dieses Ich? Wenn wir ehrlich sind, besteht es aus vielerlei Teilpersönlichkeiten, die sich mal so, mal so verhalten und von der einen Rolle in die andere wechseln. Das ICH hat dabei keinerlei Beständigkeit. Es bewegt sich unentwegt auf unsicheren Boden, vor allem in der heutigen Zeit.
Also entwerfen wir ein eigenes Bild von uns selbst, das unseren und den äußeren Erwartungen standhalten muss. Wir nutzen hierfür Werkzeuge, die uns aus der Erfahrung zur Verfügung stehen. Nicht dazu gehört das Bewusstsein von uns selbst als Seelenwesen.

Somit bleibt die geschaffene Identität eine Äußere. Sie wird uns immer ein Stück weit fremd bleiben, denn im „Sog des Äußeren entfernt sich das Innere von seiner Tiefe“, bis wir am Ende den Zugang zu unserer eigenen Tiefe im Herzen verlieren.

„Hängt das Herz erst einmal am Ding, kann es beliebig manipuliert werden.“ Claus Eurich

Um uns von der eigenen Tiefe abzulenken, treten Begehrlichkeiten, Massenkonsum und Verhärtungen ins Leben. Wir klammern uns an Lehrer, Trainer, Coachs, die uns sagen, was wir zu tun haben, wie wir vorgehen sollen, was wir wahrzunehmen haben, wie wir sein sollen. Ganz schnell geben wir dabei Verantwortung ab. Hoffen auf Besserung. Wir halten an fertigen Systemen fest, trampeln auf ausgelatschten Pfaden und merken gar nicht, wie sich unsere Welt mehr und mehr entzaubert. Theoretisch akzeptieren wir die Einheit von Körper, Geist und Seele, doch praktisch wagen wir nicht weiter vorzudringen. Und das ist vermutlich die allergrößte Tücke auf dem Weg.

Seele ist immer im Einheitsbewusstsein des Kosmos

Wir ergründen den Seelenraum mit den Ansprüchen und Erfahrungen unseres Geistes. Doch der Geist kann die Größe des beseelten Kosmos niemals greifen, geschweige denn denken. Das denkende Ich wird das höhere Ich niemals erfassen können. Wir hängen fest, wie Objekte in einem Museum.

Im Grunde aber ist es ganz einfach. Die Wahrheit ist ganz einfach. Sie ist so einfach, dass wir sie nicht sehen. Sie liegt in unseren Herzen, durchdrungen von bedingungsloser Liebe. Der effektivste Weg zur Bewusstwerdung ist der der Meditation. Wir erkennen, dass alles zur gleichen Zeit da ist, denn es gibt nur das Eine.

Es gibt keine Abhängigkeit. Wenn das erkannt ist, erkennen wir das Neue in der Welt. Wir verlassen die alten Pfade und begeben uns tatsächlich auf die Suche nach dem eigenen Potential.

Werden und Wandel beginnen bei uns selbst. Es gibt keine Weltverbesserung ohne eine Selbstverbesserung.

Auf unserem Weg leitet uns unsere Sehnsucht. Sie ist eine unstillbare Triebkraft auf der Suche nach der Einheit des Seins. Sie führt uns wie eine unsichtbare Hand und lässt uns den wahren Zauber des Lebens wiederfinden.

Liebe und erkenne.

Kun Ya

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Kun Ya Andrea Schmidt

Meditationslehrerin und Architektin bei Zentrum für Kan Yu
Meine Aufgabe sehe ich darin, Bewusstsein für Mensch, Raum und Verbundenheit in Liebe zu schaffen. In meiner Arbeit im Kan Yu und bei Integrale Vision empfinde ich große Dankbarkeit, wenn meine Kunden beginnen unsichtbare Energiestrukturen wahrzunehmen und ihre Potentiale zu schöpfen. Bei GesellschaftSEIN engagiere ich mich für mehr Menschlichkeit.
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